Keine faulen Ausreden

Bundesweiter Vorsorge-Monat März: „Früh erkannt ist Darmkrebs harmlos“

„Autowaschen kann tödlich sein. Shoppen kann tödlich sein ... wenn Sie deshalb nicht zur Darmkrebsvorsorge gehen.“ Das ist eine verstörende Aussage, die einen erst mal schlucken lässt. Nichts anderes hat der Berufsverband der Niedergelassenen Gastroenterologen Deutschlands e.V. in Kooperation mit dem Netzwerk gegen Darmkrebs und der Felix-Burda-Stiftung im Sinn: Die Bevölkerung mit zugegeben plakativen Mitteln zum Nachdenken zu bringen und wider all die vielen faulen Ausreden, die man gemeinhin parat hat, Vorsorge-Chancen zu nutzen. „Denn früh erkannt, ist Darmkrebs harmlos“, formuliert es die zugehörige Broschüre.

Die 15 bis 20 Minuten, die es dauert, das Auto zu waschen oder in einem Geschäft nach einer neuen Bluse zu suchen, entsprechen etwa der Dauer einer Darmspiegelung. Zugegeben, wer die Alternative hat, wird die Bluse kaufen oder das Auto waschen. Daran deuteln auch Johann Ertl, Hausarzt und Vorsitzender des Ärztlichen Kreisverbands, Internist (Gastroenterologe) Dr. Martin Huber und der Straubinger Rudolf Loibl, Geschäftsführer des 1 100 Mitglieder starken Berufsverbands Niedergelassener Gastroenterologen Deutschlands, nicht. Aber die Darmspiegelung kann damit punkten, dass sie nicht nur der Früherkennung dient, sondern tatsächlich der Verhinderung von Krebs. Bei der endoskopischen Untersuchung können Darmpolypen, die in 90 Prozent als Vorstufen von Darmkrebs gelten, beseitigt werden, erklärt Dr. Martin Huber. Es kommt erst gar nicht so weit, dass sie sich zu Krebs entwickeln könnten. Das Ausbleiben von frühzeitigen Warnsignalen macht den Darmkrebs besonders tückisch. Früh erkannt, bestünden aber gerade bei Darmkrebs sehr, sehr hohe Heilungschancen. Wird nichts Auffälliges entdeckt, reicht es, in zehn Jahren eine Darmspiegelung zu wiederholen, es sei denn, man sollte den Darm aus familiärer Vorbelastung engmaschiger im Auge behalten.

Beschwerden im Darm? Wird Darmkrebs früh erkannt, ist er oft heilbar. Deshalb sollte man die Angebote zur Früherkennung in Anspruch nehmen. (Foto: Monique Wuestenhagen/dpa)
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Dr. Martin Huber, Johann Ertl, Vorsitzender des Ärztlichen Kreisverbands, und Rudolf Loibl, Geschäftsführer des Berufsverbands der Niedergelassenen Gastroenterologen Deutschlands, (v.l.) machen auf die aktuelle Kampagne aufmerksam, Darmkrebsvorsorge zu nutzen.

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Früherkennung und sogar Krebs-Verhinderung

In Straubing führen nur noch die niedergelassenen Praxen Dr. Martin Huber und Dr. Daniela Maurer-Solcher sowie die I. Medizinische Klinik des Klinikums St. Elisabeth von Chefarzt Prof. Dr. Norbert Weigert Darmspiegelungen durch. Mehrere niedergelassene Magen-Darm-Ärzte sind in den vergangenen Monaten in Stadt und Landkreis in den Ruhestand gegangen, sagt Dr. Martin Huber, ohne dass Nachfolger der gleichen Sparte neu angetreten wären.

Hartnäckige Vorurteile

Die Darmspiegelung ist mit vielen Vorurteilen belegt, räumt Rudolf Loibl ein. Allerdings sorgten Magen-Darm-Ärzte – nichts anderes ist ein Gastroenterologe – heute dafür, dass die Umstände so wenig belastend wie möglich sind. Bei der Untersuchung trage man eine OP-Hose, liege also nicht etwa entwürdigend nackt auf einer Untersuchungsliege. Es werde ein sehr gut zu dosierendes Beruhigungsmittel verabreicht und man bekomme dadurch von der eigentlichen Untersuchung überhaupt nichts mit. Sie verursache keinerlei Schmerzen, auch nicht die Entfernung etwaiger Polypen.

Vielen sei die Vorbereitung auf die Untersuchung ein Dorn im Auge, sagt Johann Ertl, denn der Darm muss sauber sein, damit man mit der Endoskopkamera überhaupt genug vom Innenleben des Darms beurteilen kann. Entgegen früherer Jahre müsse man heute nicht mehr vier Liter einer als scheußlich empfundenen Flüssigkeit trinken. Heute reiche es, zweimal 0,25 Liter eines Konzentrats mit Zitrus-Geschmack zu trinken, das man mit Wasser und klaren Getränken nach eigenem Gusto nachspülen kann und sogar soll.

Vorsorge unterstützten

Als weiteren Anreiz nennt Dr. Martin Huber, dass die Krankenkassen ab dem 55. Lebensjahr eine Darmspiegelung als Vorsorgemaßnahme zahlen. Bei Menschen mit familiärer Belastung oder einem Verdachtsbefund natürlich schon früher. 2002 wurde die Darmspiegelung (Koloskopie) zur Vorsorge in das gesetzliche Früherkennungsprogramm aufgenommen. In der Gruppe der 55-Jährigen ist die Rate der Neuerkrankungen seither um 14 Prozent zurückgegangen. Die Vorsorge-Bemühungen unterstützten die Krankenkassen auch damit, dass sie seit Kurzem nach langem Drängen der Magen-Darm-Ärzte ab dem 50. Lebensjahr die Kosten für einen immunologischen Test auf Blut im Stuhl in ihren Leistungskatalog aufgenommen haben. Die Hemmschwelle, diesen Test in Anspruch zu nehmen, ist deutlich niedriger. Man braucht nur eine winzige Stuhlprobe. Dieser Test ist im Vergleich zum bisherigen chemischen Test deutlich effektiver und reagiert nur noch auf menschliches Blut. Stiftung LebensBlicke, Deutsche Krebsgesellschaft und Deutsche Krebsstiftung haben vor wenigen Wochen den Darmkrebs-Präventionspreis für eine praxisrelevante Studie zu diesem Stuhltest vergeben.

Sterblichkeit gesenkt

Die Darmkrebssterblichkeitsrate habe in Jahren ärztlicher Bemühungen und medizinischen Fortschritts spürbar gesenkt werden können. Wissenschaftler des Deutschen Krebsforschungszentrums haben berechnet, dass seitdem bei Männern die Darmkrebssterblichkeit um fast 21 Prozent und bei Frauen sogar um mehr als 26 Prozent zurückgegangen ist. Noch immer gebe es aber zu viele Darmkrebstote, sagt Rudolf Loibl. Zu einem Einladungsverfahren zur Vorsorgeuntersuchung wie bei der Mammografie zur Früherkennung von Brustkrebs ist es bisher aus Datenschutz-Bedenken nicht gekommen.

Eine Darmspiegelung via vorher geschluckter Videokapsel stelle auch in Zukunft keine Alternative zur Darmspiegelung mit Endoskop dar, sagen Dr. Martin Huber und Johann Ertl unisono. Denn werde ein Polyp entdeckt, müsse dieser dann doch im Rahmen einer konventionellen Spiegelung beseitigt werden. Und auch bei der virtuellen Darmspiegelung komme man um das vorausgehende Prozedere der Darmreinigung nicht herum.

Heute gibt es in Deutschland jedes Jahr mehr als 60 000 Darmkrebsneuerkrankungen und mehr als 25 000 Darmkrebstodesfälle. Die meisten könnten durch eine Darmspiegelung vermieden werden – das ist das beste Argument, dieses effektive Vorsorgeangebot zu nutzen, sagt Rudolf Loibl.

Und da sprechen die Ärzte besonders jene an, die selten einen Arzt aufsuchen.