Hand anlegen und Leben retten

Woche der Wiederbelebung vom 18. bis 24. September: „Prüfen, rufen und drücken“

„Staying Alive“ von den Bee Gees, der „Radetzky-Marsch“ von Johann Strauss, „Yellow Submarine“ von den Beatles oder „Another one bites the dust“ von Queen – unvergessliche Lieder, deren Melodie jeder sofort im Kopf hat und die durch ihre 100 Schläge pro Minute im Notfall Leben retten. Von Montag, 18. September, bis Sonntag, 24. September, erinnert die Woche der Wiederbelebung, wie wichtig es ist, bei Herzstillstand Hand anzulegen.

„Das Grundproblem in Deutschland ist Berührungsangst“, sagt Dr. med. Florian Blankenburg, Funktionsoberarzt der Klinik für Anästhesiologie am Klinikum St. Elisabeth. Im EU-Vergleich liege Deutschland abgeschlagen hinter den skandinavischen Ländern. „Dies soll kein Vorwurf sein, viele haben einfach Angst vor einer Wiederbelebung.“

Aus diesem Grund wurde in Deutschland vor einigen Jahren die Woche der Wiederbelebung unter der Schirmherrschaft des Bundesministeriums für Gesundheit eingeführt. Diese soll der Bevölkerung die Angst nehmen und sie für den Ernstfall schulen. Viele fürchten, dass sie durch Wiederbelebungsmaßnahmen noch mehr Schaden anrichten. Schlimmer als ein Herzstillstand, der den Sauerstofftransport unterbricht, könne es nicht mehr kommen – „man kann nur retten“, sagt Dr. Blankenburg.

Das Klinikum habe erstmalig 2014 an der Woche teilgenommen und bietet in diesem Jahr an drei Tagen Übungskurse an. Von Mittwoch, 20. September, bis Freitag, 22. September, kann „an Demonstrationspuppen das Wiederbeleben geübt werden“, sagt Dr. Blankenburg. Dabei helfen den Bürgern Mitarbeiter der Klinik der Anästhesie. 100-Mal in der Minute wird dabei mit der flachen Hand auf den Brustkorb gedrückt. „Um den Rhythmus zu halten, helfen Lieder mit 100 Schlägen pro Minute.“ 5 000 Menschen mehr könnten etwa gerettet werden, wenn sich Leute trauen. Bevor es im Ernstfall dazu kommt, erinnert Dr. Blankenburg an drei grundlegende Schlagworte: „Prüfen, rufen und dann drücken.“

Der Patient müsse zuerst angesprochen werden, zeige er keine Reaktion, sofort den Notruf mit 112 wählen und reanimieren. 30 Sekunden für den Anruf sollte jeder haben: „So hat man ein Ziel vor Augen. Wählt man keinen Notruf, geht einem irgendwann die Kraft aus, wenn keiner kommt.“ Auf Beatmen könne verzichtet werden, da dies manchem unangenehm ist. Doch wer nicht wiederbelebt, sorgt dafür, dass es bei Betroffenen innerhalb von drei bis fünf Minuten zu den ersten neuronalen Schäden kommt: „Jede Sekunde zählt.“

Übungen geben Sicherheit

Das Thema Wiederbelebung ist fester Bestandteil im Erste-Hilfe-Kurs (EHK), betont Martin Schmauser vom Bayerischen Roten Kreuz (BRK). Der Grundkurs bestehe aus neun Unterrichtsstunden, die innerhalb eines Tages abgehandelt werden. „In Deutschland gibt es die Vorgabe von der Berufsgenossenschaft, den EHK alle zwei Jahre zu wiederholen.“ Die breite Masse absolviere den Kurs jedoch nur einmal im Leben. „Wiederholung ist die Mutter des Erfolges.“ Motiviert seien Bürger meist nur, wenn in ihrem näheren Umfeld etwas passiert ist oder eine einschneidende Veränderung, wie eine Geburt, stattfindet. Sich im Kopf das Ganze vorzustellen, helfe nichts: „Man muss sich im Ernstfall auch trauen, und dazu gehört die praktische Übung.“

Jährlich schult das BRK rund 3000 Bürger. Unterschieden wird zwischen dem Grundkurs, einem Auffrischungskurs und einen Kurs zur Wiederbelebung von Kleinkindern. „Bei Kindern ist die Technik und der Kraftaufwand ein anderer.“ Schmauser betont, dass das Thema viel früher aufgegriffen werden sollte und es sinnvoll ist, dass bereits Schüler damit in Berührung kommen.

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Bei einer Wiederbelebung zählt jede Sekunde. (Foto: Jörg Carstensen/dpa)

Seit zwölf Jahren gibt es das Defibrillator-Projekt, das von den beiden Rotary-Clubs Straubing und Straubing Gäuboden initiiert wurde, erklärt Kardiologin Dr. Regine Langer-Huber. Ziel ist es, in der Stadt ein flächendeckendes Netz aufzubauen. Rund 60 Stück sind es aktuell im gesamten Stadtgebiet. Mit einem Defibrillator und zusätzlicher Wiederbelebung sei die Chance, zu überleben deutlich über 50 Prozent. Geraten Bürger in eine Notsituation, muss sofort gehandelt werden: „Zeigt der Patient keine Reaktion, sofort die 112 wählen“, betont Dr. Regine Langer-Huber. Im Idealfall kümmern sich zwei Personen um den in Not Geratenen. Einer beginnt mit der Wiederbelebung, der andere holt den nächstgelegenen Defibrillator. Bevor das Gerät zum Einsatz kommt, gilt: 30 Mal drücken, zweimal beatmen und 30 Mal drücken. Dadurch wird das Herz-Kreislauf-System wieder in Schwung gebracht. Beim Öffnen des Deckels spricht das Gerät und gibt weitere Anweisungen. „Die Bedienung ist kinderleicht und es gibt so wenig Tasten wie möglich.“ Der Oberkörper wird durch den Helfer freigemacht und die Schutzfolie von den Klebepads gelöst. „Falls die Klebepads nicht halten, kann mit dem beigelegten Tuch die Haut gereinigt oder mit einem Einwegrasierer der Oberkörper von Haaren befreit werden“, sagt Dr. Regine Langer-Huber. Ein Pad kommt unter das rechte Schlüsselbein, das andere an die linke Brust. Sobald das Herz-Kreislauf-System analysiert wurde und das Gerät die Freigabe erteilt, blinkt ein Knopf orange auf. „Weg vom Patienten und den Knopf drücken.“

Der Defibrillator schickt etwa 200 Joule durch den Körper. Danach müsse sofort wieder auf den Oberkörper gedrückt werden, außer der Patient schlägt die Augen auf. Bei der Wiederbelebung könne es durchaus zu Rippenbrüchen kommen, die jedoch heilen. Das Thema sei mit Angst verbunden, doch nur, wer sich damit beschäftigt, könne im Ernstfall handeln: „Es geht um Leben und Tod.“

 

Zeitungsartikel aus dem Straubinger Tagblatt vom 19.09.2017